![]() | ![]() |
![]() |
![]() | ||
Das TotenschiffWir wandern durch den herbstlich gelb-grauen Wald, steil den Berg hinauf - aus einem silbergrauen Oktoberhimmel nieselt es langsam, aber stetig auf uns hinab. Die Ponchos halten noch stand aber langsam beginnt der Boden unter den Füßen zu rutschen. Die Nebelschwaden, die uns seit der Kaiserbuche begleiten, werden immer dicker - so dicht, daß ich Erdnuß, der - wie meistens - einige Meter hinterher hinkt, nicht mehr sehe. Ich denke: hoffentlich haben Salo und David das Feuer anbekommen, denn mit Sicherheit gab es nur noch nasses Holz. Ich wollte es ja beim letzten Mal noch unter die Veranda räumen, aber nein, man habe es eilig... Vor uns jetzt der letzte Berg: steil, unfreundlich und kaum sichtbar. Die alten Buchen ragen aus dem Boden wie mahnende, schwarze Finger: Lieber schnell, sonst kriegen wir Euch! Die Gruppe hinter mir ist schon zu erschlagen und bedrückt, um sich noch zu beklagen. Eben hat auch die Dämmerung eingesetzt und als wir die Hälfte des Berges hinter uns haben, ist der Wald in ein graues, gespenstiges Halbdunkel getaucht. Oben angekommen meldet sich Fabian zu Wort :”Kaju, ich sehe sie gar nicht - das war doch der letzte Berg oder?” “Die haben Orks bestimmt abgebrannt und werden uns jetzt essen!” schießt Tiemo bissig zurück. Fabian läuft es kalt den Rücken herunter. “Sind wir jetzt bald da?”, fragt Erdnuß, der endlich aufgeholt hat. Der Nebel ist zu dicht und es ist zu dunkel. Ohne ein Wort gehe ich weiter. “Nur 5 Minuten” sage ich vor mich hin und muß lächeln. Das sage ich immer, wenn ich gefragt werde, wie lange es noch dauert “5 Minuten” - irgendwann einmal hat auch der letzte aufgehört zu fragen... eigentlich. Man sieht wirklich fast nichts, aber ich weiß rechts von uns sind jetzt die Bänke und links kommt gleich das Gatter. Zielstrebig fasse ich am einen Ende an, um es hochzuheben... aber es bewegt sich nichts. “Was ist los?”, fragt Joe der direkt hinter mir steht. “Keine Ahnung, da hat wieder ein Förster dran rumgespielt”, antworte ich. Ich taste das Tor langsam ab, es ist feucht - nicht rutschig - nur feucht und oben hat jemand ein Seil umgebunden, dass das Tor festhält. “Was soll denn das?” entfährt es mir, “Joe gib mir mal Dein Messer!” Meines ist im Rucksack, aber so wie ich Joe kenne, trägt er seine gesamte Ausrüstung an der Koppel. Zwei drei Schnitte und das Seil fällt zu Boden, ich sehe es nicht - höre nur ein Platsch in den Matsch des Weges. “Da können die drinnen aber gleich was erleben!” grummelt Tiemo vor sich hin. “Sind die immer so gemein?” fragt Fabian verunsichert. Er ist das erste Mal dabei. Zugegeben er hat gleich eine harte Tour erwischt - aber so ist das eben. Wir gehen durch den Spalt im Gatter. Vor uns erkennen wir kaum den Zelt- und Feuerplatz mit den dunkel-grünen Tannen dahinter. Aber ihre Äste biegen sich vor Nässe stark nach unten - ein trauriger Anblick in dem Nebel. Und groß daneben die Hütte mit ihrem alten Dach, der schrägen Veranda. Auf dem Rasen sehen wir endlich den warmen Schein der Tür - die drinnen haben wohl auch noch die Fenster zugelassen... sehr witzig! Wehe, das Feuer ist nicht schön warm, denke ich mir. Erdnuß ist derweil schon in der Tür. Ich höre ihn nur um die Ecke sagen: “Hey, hier ist gar niemand!”, was den Rest dazu veranlasst an mir vorbei in die Hütte zu stürmen. “Nicht! Mit den Schuhen!”, schreie ich - zu spät. Bis ich es zur Tür geschafft habe, haben die anderen schon die ganze Hütte auf den Kopf gestellt. Tiemos Schuhe schauen über den Rand der Luke, die nach oben führt, heraus und er ruft “Niemand hier oben”. Joe ist sogar mit einer Taschenlampe in den Keller gekrochen. “Hier unten auch nicht”, dringt es von unter meinen Füßen hervor. Erdnuß stellt fest: “Die Vorräte sind aber da” - typisch - Fabian steht alleine, verunsichert in der Mitte der Hütte zeigt auf die Stelle, wo Jos Stimme herkam und schaut mich fragend an: “Was ist denn da unten?” “Leichen” entgegnet Tiemo, der gerade die Leiter herunterklettert. Ich werfe ihm einen Blick zu: “Neee, geh halt mal runter zu Joe und schau`s Dir an” “Vielleicht später”, meint er. Die Hütte ist wirklich leer - oder zumindest sind David und Salo nicht da. Und da die jungen Detektive gleich mit nassen Schuhen in die Hütte gestürmt sind, sieht man auf dem Boden auch nicht viel. Proviant ist da, Wasserkanister, Werkzeuge, das Feuer brennt und ihre beiden Rucksäcke liegen mit meiner Klampfe in der Ecke. “Also, sie waren auf jeden Fall schon hier!” stellt Oberspürnase Tiemo fest “Vielleicht sind sie Holz holen gegangen!” Mein erstaunter Blick fällt auf stapelweise trockenes Holz unter den Bänken, sowie die ordentlich aufgehängte Säge samt Beil. “Hey Tiemo, welche Hordentöpfe hattest du eingepackt?” “Du warst doch dabei Joe, den mittleren und ganz großen!” “Eben”, meint Joe “nur der große ist noch da - der mittlere fehlt - und dass was drin war wurde in die Essenskiste gekippt.” “Dann sind die irgendwas holen gegangen, oder?”, beteiligt Erdnuß sich an der Suche. Auch, wenn ich etwas unruhig bin, zeige ich es nicht: “Die werden schon irgendwo sein!” Ich packe meine Klampfe aus und fange an zu spielen: “Der Nebel dämpft das Morgenlicht...” Joe, der grade aus dem Keller kommt setzt sich mit zum Ofen und stimmt ein irgendwo bei “im Felde singt die Regenfrau”. Der Rest kennt das Lied nicht. Fabian hat jetzt endlich seinen Rucksack abgesetzt und rückt neben mich, die anderen beiden belegen wohl ihre Schlafplätze. “Schuhe aus!” schreie ich zwischen den Strophen. Als Erdnuß runterkommt und nach dem Abendessen fragt, sind wir gerade bei “Bruder nun wird es Abend” und da momentan eh nur Joe mitsingt und Fabian gebannt in den Ofen schaut, drücke ich Joe die Gitarre in die Hand und mache mich an das Abendessen. Tiemo, der Hilfskoch auf dieser Fahrt, schneidet mürrisch Zwiebeln. Wir sitzen auf einer Decke vorm Ofen und die Singerunde - für nur 4 ½ Sänger - ist schon ganz beachtlich. Das Gulasch liegt schön schwer im Magen, der Tschai - eigentlich viel zu lange abgekocht - ist auch genau süß genug. “Da kommt wer”, flüstert Fabian und greift nach meinem Arm. Joe steht schon neben der Tür und zieht seine Schuhe an und tatsächlich: Stimmen. “Drei oder vier”, meint Tiemo, was wiederum Fabian dazu veranlasst mir den Arm halb auszureißen. Erdnuß steht mit seiner Maglite “4-D” (wie ich beim hochlaufen erfahren musste) zum Anleuchten der Eindringlinge bereit. Die Tür mit dem Milchglas wird zur Seite geschoben und David und Salo stehen im Türrahmen. “Hey!” Erdnuß leuchtet ihnen voll ins Gesicht “Funzel weg!” Sonst würde man sie fast nicht erkennen - “Drei oder Vier, haha” - mit ihren Ponchos tief ins Gesicht gezogen, die BW Hosen bis aufs Letzte durchnässt und einem Hordentopf in der Hand. “Daß wir Euch auch mal wieder sehen - so ein Zufall”, meine ich sarkastisch. “Also”, fängt David an während er sich den Nassen Poncho über den Kopf zerrt “Wir wollten Euch Tee bringen” Er zeigt auf den Hordentopf “Tee?”, fragt Erdnuß “Ja, bei dem Wetter dachten wir, könntet Ihr’s brauchen. Also haben wir Tee gekocht, uns schön eingepackt und sind Euch entgegengelaufen.” “Wir haben vorne am letzten Berg gewartet”, erzählt Salo “aber als wir nach 5 Minuten nichts hörten sind wir Euch bergab entgegengegangen und da war plötzlich eine Nebelwand. Also ich meine Wand - die fing da einfach mitten im Wald an.” “Ja, aber egal”, fährt David fort “irgendwann hörten wir dann Getrampel und Stimmen auf dem Weg, aber wir sahen niemand - und die Stimmen kamen auch nicht näher sondern blieben immer in einer Entfernung.” “Und ob Ihr’s glaubt oder nicht - als die Stimmern weg waren haben wir uns auf dem Rückweg in dem Nebel Eins-A verlaufen. Wir waren da ja jetzt bestimmt 4 Stunden unterwegs!” schließt Salo ab. “Na, dann setzt Euch erst mal ans Feuer und stellt den Tee oben auf. Gulasch hat’s auch noch da hinten” ich hatte jetzt keine Lust auf eine große Fragestunde - Ende der Diskussion. Später als die Kleinen mehr müde als sonst was in den Ecken hingen, frage ich Salo: “Sag mal, habt Ihr Euch wirklich verlaufen? Du kennst die Gegend hier doch besser als ich” “Ich dachte auch, und ich war auch drei, viermal an einer Stelle wo ich dachte: hey, jetzt weiß ich wo ich bin, aber falsch gedacht. Ein paar Meter lang sah auch in dem Nebel alles so aus, wie es hätte sein müssen und dann gehen wir um eine Ecke und sind wo ganz anders” antwortet Salo und fügt hinzu: “Komisch, aber auch mal wieder aufregend so im Nebel... ganz so schlimm hab ich’s hier aber noch nicht erlebt.” “Sag mal, habt Ihr ein Seil um das Gatter gebunden, als ihr raus seid?” “Nö, wieso?” aber Salos Frage verliert sich, denn er ist auch kurz davor einzuschlafen und ich bin am Nachdenken. Ich scheuche noch mal alle raus auf die Toilette, da ich die Tür von innen zu machen möchte - ich hatte keine Lust auf Nachtwache, obwohl das vielleicht doch ganz sinnvoll wäre. Einer nach dem anderen kommt wieder rein und schüttelt sich die Regentropfen vom Kopf. “Da draußen ist’s ne echte Waschküche” meint Tiemo “und das wird nur noch schlimmer.” “Naja, wartet mal auf morgen Früh!” entgegnet Salo “Dann ist der Nebel nur noch kniehoch und wir sehen einen genialen blauen Himmel; dann kommst Du Dir hier vor wie auf einer schottischen Insel” Ich lege noch mal ordentlich Holz in den Ofen, verriegle die Tür mit dem bekannten Schnur-Haken-Knoten-Prinzip und blase die Petroleumlampe aus. Oben sieht man jetzt das Gewimmel von Taschenlampen. “Ey Funzel aus dem Gesicht!” schreit jemand. Ich packe meine Klamotten mit in den Schlafsack, weil das morgen bestimmt sau kalt wird. Mein Standardplatz: neben dem Schornstein. Noch ist es hier mollig warm. “Salo, eine Geschichte!” ruft Erdnuß von neben an und sofort ist unser Raum vollgestopft mit sich stapelnden Schlafsackkreaturen. Salo erzählt die ganz altbekannte Geschichte vom Förster Heyer, der diese Hütte gebaut hat, wie es ihm so erging und warum er verschwand. Ich glaube der einzige, der die Geschichte noch nicht kannte war Fabian. Aber das gehört nun einmal dazu: die Heyer-Geschichte zur Heyer Hütte. Nachdem Salo fertig ist kriechen alle zurück zu ihren Isomatten. “Was mache ich denn wenn ich pinkeln muß?” fragt Fabian beim Rausgehen. “Fenster auf, raus damit” sage ich ihm hinterher und drehe mich auf den Bauch. “Nacht Salo, Joe” “Nacht” “Nacht, ihr beiden”. “Kaju” flüstert es, “Kajuuu!” Irgendwer rüttelt an meinem Arm. Es ist finster und kalt. Würde man etwas sehen, wären es die kalt-blauen Schwaden des warmen Atems. “Kaaajuuu” Es ist Fabian! Noch nie! Hat mich ein Pimpf in der Nach aufgeweckt, noch nie in all den Jahren. “Kaju, schnell, ganz schnell!” und weg ist er - rennt förmlich in den anderen Raum. ... Den Rest erzähle ich Euch am Lagerfeuer Gruppenleiter die selbst vorlesen wollen, können eine Email schicken... | ||
![]() | ||